ROHSTOFFPREISE
Stahlpreis aktuell: Preis, Entwicklung und Prognose 2026
11.05.2026
Aktueller Stahlpreis auf Basis des Fastmarkets HRC Index Nordeuropa (Anfang Mai rund 670 €/t, ArcelorMittal Mai-Liste 750 €/t). Trendanalyse zum neuen EU-Tariff-Rate-Quota-Regime ab 1. Juli 2026 (47 Prozent Quotenkürzung auf 18,3 Mio. t, Out-of-Quota-Zoll auf 50 Prozent), zur Melt-and-Pour-Nachweispflicht ab 1. Oktober, zur CBAM-Levy-Phase seit 1. Januar und zu US-Section-232 50 Prozent seit 6. April. Einkaufsempfehlungen für DACH-Beschaffung.
Die aktuelle Preisbewegung ist nicht auf Warmband begrenzt. Auch Kaltband und verzinkte Flachstähle ziehen an. Das spricht für einen breiteren Aufwärtstrend im europäischen Flachstahlmarkt.
AUF EINEN BLICK
- HRC Nordeuropa rund 670 €/t laut Fastmarkets Anfang Mai, ArcelorMittal Mai-Liste 750 €/t. Anker mit Indexklausel jetzt setzen, vor dem Regime-Wechsel am 1. Juli.
- EU-Safeguard läuft am 30. Juni aus, ersetzt durch ein schärferes Tariff-Rate-Quota-System. Quoten halbieren sich auf 18,3 Mio. t pro Jahr, Out-of-Quota-Zoll verdoppelt sich auf 50 Prozent.
- EUROFER-Q1-Daten zeigen schwächere Nachfrage als die Mai-Listen implizieren. ArcelorMittal hat das geplante EAF/DRI-Projekt gestoppt.
- Melt-and-Pour-Nachweispflicht für Importeure ab 1. Oktober 2026. Lieferketten-Compliance jetzt prüfen, das Compliance-Risiko trifft den Käufer, nicht den Lieferanten.
Inhalt
Was treibt den Preis gerade?
ArcelorMittal hat die Mai-Liste auf 750 €/t delivered Nordeuropa angehoben, ein Plus von 50 €/t gegenüber dem April-Niveau von 700 €/t. Der Fastmarkets Steel HRC Index, domestic, ex-works Nordeuropa lag im April-Durchschnitt bei 652,74 €/t, per Anfang Mai bewegt er sich rund 670 €/t. Italienische Integrierte zielen für Mai-Lieferungen auf 720 €/t, Servicecenter-Quotes liegen darunter. Der Spread zwischen Mill-Liste und realem Markt verbreitert sich, was die EUROFER-Q1-Daten reflektieren: die europäische Stahlnachfrage ist schwächer als die Mai-Listen implizieren.
Den größten Einfluss auf die nächsten acht Wochen hat das Auslaufen des aktuellen EU-Stahl-Safeguards am 30. Juni und die Ablösung durch ein neues Tariff-Rate-Quota-Regime ab 1. Juli. Anders als der Begriff Sunset suggeriert, ist das eine Verschärfung. Die quotenfreien Importmengen sinken laut Kommissionsvorschlag und Council-Mandat vom Dezember 2025 um rund 47 Prozent gegenüber dem 2024er-Niveau auf etwa 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Der Zollsatz auf Über-Quoten-Mengen verdoppelt sich von 25 auf 50 Prozent. EUROFER hat das Paket als Lifeline für die europäische Stahlindustrie bezeichnet, ArcelorMittal Europa-CEO Gert Van Poelwoerde hat eine schnelle Implementierung gefordert. Ab dem 1. Oktober 2026 kommt zusätzlich die Melt-and-Pour-Nachweispflicht für Importeure hinzu, und innerhalb von zwei Jahren prüft die Kommission, ob Melt-and-Pour zur Basis der Quotenzuteilung wird.
Die transatlantische Lage drückt parallel. US-Section-232-Zölle von 50 Prozent auf reinen Stahl und 25 Prozent auf Derivate gelten seit dem 6. April 2026, mit einer reduzierten Variante von 10 Prozent für Produkte, deren Stahl-, Aluminium- und Kupferanteil zu mindestens 95 Prozent US-Herkunft ist. Europäische Mills, die bisher in die USA exportierten, suchen jetzt Absatz im Inlandsmarkt, was die Importeure-Konstellation vor der TRQ-Umstellung zusätzlich anspannt. CBAM ist seit dem 1. Januar 2026 in der Levy-Phase, eingebettete CO2-Emissionen werden ab Importjahrgang 2026 mit Zertifikate-Surrender ab September 2027 abgerechnet.
Auf der Angebotsseite hat ArcelorMittal das geplante EAF/DRI-Investitionsprojekt gestoppt und damit ein klares Signal gesetzt, dass die grüne Transformation ohne politisches Backstopping nicht im aktuellen Cashflow finanzierbar ist. Importeure aus der Türkei, Indien und Vietnam, die das auslaufende Safeguard-Quotensystem voll ausnutzten, positionieren sich für die letzten Wochen vor der TRQ-Umstellung und verschicken bis Ende Juni noch günstigere Angebote. Diese Konstellation erzeugt im Mai und Juni einen kurzen Spread zwischen Importpreisen und Mill-Listen, der nach der Umstellung schlagartig zusammenklappt.
Für die nächsten vier bis acht Wochen erwarten wir HRC Nordeuropa in einer Bandbreite von 670 bis 730 €/t mit Aufwärtsdruck durch das Schließen der Importpreislücke. Mill-Listen werden weiter aggressiv kommuniziert, der reale Markt bleibt ein Stück darunter, der Konvergenzpfad führt nach oben, nicht nach unten.
Was heißt das konkret für den Einkauf in DACH?
Wer 12-Monats-Anker auf HRC, CRC, HDG oder Sektionen verhandelt, schließt diese Woche mit einer Indexklausel auf Fastmarkets-Monatsmittel ab, mit Cap-and-Floor-Bandbreite von plus 8 bis minus 12 Prozent und einer expliziten Übergangs-Klausel für den Regime-Wechsel zum 1. Juli. Verlangen Sie, dass die Klausel den Mechanismus benennt: greift bei Umstellung automatisch eine angepasste Quoten-Allokation, oder löst sie ein vollständiges Reset aus? Wer das jetzt nicht festschreibt, verhandelt im Juli unter Druck.
Trennen Sie die CBAM-Komponente vom Hauptpreis. Verlangen Sie eine quartalsweise Anpassung an die EU-ETS-Auktions-Clearingpreise, weil diese die quarterly CBAM-Zertifikatspreise treiben. Mills, die CBAM pauschal einrechnen, kommunizieren weniger transparent als Mills, die die Komponente separat ausweisen. Letzteres ist ab Q3 das Mindestmaß an Verhandlungstransparenz.
Prüfen Sie Drittland-Importe jetzt aktiv gegen die ab 1. Oktober 2026 greifende Melt-and-Pour-Nachweispflicht. Lieferanten aus der Türkei, Indien und Vietnam, die bisher mit Cold-Mill-Endbearbeitung in Drittländern arbeiteten, fallen unter Umständen aus den Quoten heraus. Compliance-Risiko trifft den Käufer, nicht den Lieferanten.
Bauen Sie eine Cash-and-Carry-Reserve für die Wochen vom 15. Juni bis 15. Juli auf. Importeure verschicken bis Ende Juni günstige Angebote, weil sie nach dem 1. Juli unter den schärferen Quoten oder dem 50-Prozent-Out-of-Quota-Zoll landen. Wer in diesem Fenster eine taktische Tranche zieht, sichert das untere Ende der Preis-Bandbreite. Voraussetzung ist ein vertrauenswürdiger Lieferant und eine saubere Lieferketten-Dokumentation für die ab Oktober greifende Melt-and-Pour-Anforderung.
Für Blech-Käufer gilt parallel, dass CRC und HDG HRC mit zwei bis drei Wochen Versatz und höheren Aufschlägen folgen. Erwarten Sie CRC bei 760 bis 790 €/t und HDG bei 790 bis 830 €/t. Verlangen Sie von Servicecentern eine separate Aufschlüsselung des HRC-Anteils und des Konfektionierungs- und Zuschneide-Aufschlags. Pauschalpreise erschweren die Verhandlung in einer Phase, in der die HRC-Basis sich nach oben bewegt.
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Basisszenario
Für die nächsten 4 bis 8 Wochen erwarten wir HRC Nordeuropa in einer Bandbreite von 670 bis 730 €/t. (1) Mill-Listen ziehen Mai und Juni weiter an, ArcelorMittal kommuniziert 750 €/t als Anker. (2) Importeure aus Drittländern verschicken bis 30. Juni günstigere Angebote, was den Spread offen hält. (3) EUROFER-Q1-Daten zeigen schwächere Nachfrage als Mill-Listen implizieren. (4) Der Konvergenzpfad führt mit dem 1. Juli nach oben, nicht nach unten.
Risikoszenario
Im Risikoszenario läuft HRC Nordeuropa auf 730 bis 800 €/t. (1) Das Anschlussregime ab 1. Juli wird strenger als das Council-Mandat ausgelegt, mit weniger Übergangs-Flexibilität. (2) US-Section-232-Zölle halten europäische Mengen im Inlandsmarkt, Mill-Auslastung steigt. (3) Die EUROFER-Forderung nach Anti-Dumping-Verfahren gegen indische und vietnamesische Lieferanten gewinnt politische Traktion. (4) ArcelorMittal nutzt die EAF-Pause als Argument für stärkere Mill-Listen. Eintrittswahrscheinlichkeit über 8 Wochen: 30 bis 35 Prozent.
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Häufig gestellte Fragen
Seit Januar 2026 müssen Importeure für Stahl CBAM-Zertifikate erwerben, die den CO₂-Fußabdruck der Produktion abbilden. Die Kosten hängen vom Herkunftsland, der tatsächlichen Emissionsintensität und dem aktuellen EU-ETS-Preis ab. Für eine vollständige Importkalkulation reicht es nicht mehr, nur den Basispreis zu vergleichen. Sie müssen CBAM-Zertifikatskosten, Dokumentationsaufwand, Quotenverfügbarkeit unter dem neuen Schutzinstrument ab Juli 2026 und das Risiko längerer Transitzeiten einrechnen. In vielen Fällen ist das nominell günstigere Drittlandsangebot nach Gesamtkostenrechnung nicht mehr die wirtschaftlich bessere Alternative.
HRC (Warmband) ist das Basismaterial. Kaltband (CRC) erfordert einen zusätzlichen Walzschritt und liegt deshalb typischerweise 80 bis 130 €/t über HRC. Feuerverzinkter Flachstahl (HDG) kommt nochmals mit einem Beschichtungsaufschlag. Im aktuellen Markt steigen CRC- und HDG-Preise teils schneller als HRC, weil knappe Verfügbarkeit und höhere Energiekosten bei den Folgeprodukten stärker durchschlagen. Für die Verhandlung heißt das: Nicht jede Stahlpreiserhöhung trifft alle Produkte gleich, und eine Aufschlüsselung nach Basispreis, Produktaufschlag und Energiekomponente ist der wichtigste Hebel gegen pauschale Forderungen.
Eine saubere Prüfung beginnt mit drei Fragen: Steigt der relevante Marktindikator? Ziehen die von Ihnen tatsächlich gekauften Folgeprodukte mit? Und passt die Forderung des Lieferanten zu den aktuellen Angebotsniveaus im Markt? Wenn nur einer dieser drei Punkte fehlt, lohnt sich Gegenwehr.
Nur dann, wenn der Vergleich nicht beim Basispreis endet. Seit 2026 zählen bei Importen stärker als früher CO₂-Kosten, Autorisierung, Quotenlogik, Lieferzeit und Risiko. Für viele Beschaffungssituationen ist der rechnerisch günstigere Preis nicht mehr automatisch die bessere Verhandlungsalternative.
HRC bleibt der wichtigste Leitindikator für europäischen Flachstahl. Für die Verhandlung ist aber entscheidend, wie sich die Lücke zu Kaltband- und Verzinkungsaufschlägen verändert. Genau dort zeigt sich, ob Preisforderungen sachlich begründet sind oder ob zusätzliche Marge mittransportiert wird.

