ROHSTOFFPREISE
Stahlpreis aktuell: Preis, Entwicklung und Prognose 2026
03.08.2026
Aktueller Stahlpreis auf Basis des Fastmarkets HRC Index Nordeuropa (711,25 €/t per 30. Juli, plus 28,12 €/t gegenüber Ende Juni). Trendanalyse zu den vollen Auftragsbüchern der Werke (August ausverkauft, September halb), zum Rhein-Niedrigwasser mit gedrosselter Roheisenerzeugung bei thyssenkrupp, zur Konsultation der EU-Kommission über einen erweiterten Produktumfang der Schutzverordnung und zur anhaltenden Kaltband-Knappheit. Einkaufsempfehlungen für die DACH-Beschaffung.
Die Preisbewegung betrifft nicht nur Warmband. CRC Nordeuropa hält bei 800 bis 820 €/t ex-works (Print vom 15. Juli), rund 100 €/t über HRC; in Italien hat sich die Differenz bis zum 22. Juli auf 115 €/t ausgeweitet. Die Knappheit sitzt weiter in den Folgeprodukten.
AUF EINEN BLICK
- Der Fastmarkets HRC Index Nordeuropa steht am 30. Juli bei 711,25 €/t ex-works, plus 28,12 €/t gegenüber Ende Juni; die Werke haben den August ausverkauft und den September zur Hälfte, für Oktober bleiben begrenzte Mengen (Fastmarkets, 31. Juli).
- Offerten liegen bei 715 bis 740 €/t, handelbar sind 710 bis 725 €/t; Gebote von 700 bis 710 €/t lehnen die Werke bei knapper Verfügbarkeit ab.
- Das Rhein-Niedrigwasser erreicht die Stahlproduktion: thyssenkrupp drosselt in Duisburg die Roheisenerzeugung, die eigene Schubboot-Flotte liegt still (Kaub-Pegel 55 cm am 17. Juli, S&P Global, 24. Juli).
- Die EU-Kommission startet am 31. Juli eine Konsultation zur Ausweitung des Produktumfangs der Schutzverordnung; die Melt-and-Pour-Pflicht ab 1. Oktober bleibt die härteste Frist des Quartals. CRC hält bei 800 bis 820 €/t, rund 100 €/t über HRC.
Inhalt
Was treibt den Preis gerade?
Zwei Nachrichten rahmen die letzten zwei Wochen: Die Werke gehen mit vollen Auftragsbüchern in die Sommerpause, und am Rhein wird das Wasser knapp. Der Fastmarkets HRC Index Nordeuropa stieg bis zum 30. Juli auf 711,25 €/t ex-works, plus 28,12 €/t gegenüber Ende Juni. Der August ist bei den meisten Werken ausverkauft, der September zur Hälfte, für Oktober bleiben begrenzte Mengen (Fastmarkets, 31. Juli). Ein deutscher Einkäufer formulierte es so: Die Werke geben Offerten je nach Stand ihres Auftragsbuchs ab, nicht mehr je nach Markt.
Durchgesetzt sind die Forderungen damit noch nicht. Offerten liegen bei 715 bis 740 €/t, handelbar sind 710 bis 725 €/t, und Gebote von 700 bis 710 €/t weisen die Werke zurück. Die im Juli ausgerufenen 740 bis 750 €/t bleiben eine Forderung, aber der Abstand zwischen Forderung und Abschluss ist kleiner geworden. In Italien fiel der Index am 30. Juli leicht auf 706,25 €/t; auf der Importseite wurden Ägypten (730 US$/t CFR inklusive rund 30 US$/t CBAM-Kosten), Indien (645 bis 655 US$/t CFR, umgerechnet 565 bis 575 €/t) und die Türkei (590 €/t CFR inklusive Anti-Dumping-Zoll) offeriert.
Die zweite Nachricht ist physisch: Das Rhein-Niedrigwasser erreicht die Stahlproduktion. Am Pegel Kaub sank die Fahrrinnentiefe am 17. Juli auf rund 55 cm, thyssenkrupp hat die eigene Schubboot-Flotte außer Dienst gestellt, fährt die Rohstoffversorgung des Standorts Duisburg mit gecharterten Flachwasser-Schiffen und hat die Roheisenerzeugung angepasst (S&P Global, 24. Juli). Die Kundenversorgung gilt als gesichert, aber Frachtkosten steigen, und Teile der Logistik wandern auf die Straße. Für die Werke ist das ein Argument gegen niedrigere Gebote, kein Anlass für breite Engpässe.
Regulatorisch hat die Kommission am 31. Juli eine Konsultation gestartet, um den Produktumfang der Stahl-Schutzverordnung auszuweiten. Parallel warnt der spanische Herstellerverband UNESID, dass eine falsche Zolltarif-Klassifizierung rund 300 €/t Unterschied in der CBAM-Belastung ausmachen kann. Beides zeigt in dieselbe Richtung: Das Regelwerk um Stahlimporte wird enger und fehleranfälliger zugleich.
Bei den Folgeprodukten bleibt die Lage angespannt: Kaltband Nordeuropa hielt beim letzten Print vom 15. Juli 800 bis 820 €/t, rund 100 €/t über HRC; in Italien hat sich die Differenz bis zum 22. Juli auf 115 €/t ausgeweitet. Bei Langprodukten stützt die Eindeckung vor den Werksschließungen: Betonstahl Nordeuropa notiert unverändert bei 710 bis 730 €/t frei Werk (29. Juli), Händler sprechen von Hamsterkäufen vor der zwei- bis dreiwöchigen August-Pause.
Worauf wir achten: die ersten echten August-Abschlüsse, die Entwicklung der Rheinpegel und den Quoten-Reset zum 1. Oktober, der mit dem Start der Melt-and-Pour-Pflicht zusammenfällt.
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Was heißt das konkret für den Einkauf in DACH?
Verhandeln Sie weiter gegen Abschlüsse, nicht gegen Ankündigungen, aber stellen Sie sich auf verkäuferfreundlichere Bedingungen ein. Der Index steht bei 711 €/t, reale Buchungen laufen bei 710 bis 725 €/t, und die 740 bis 750 €/t der Werke sind noch nicht der Markt. Ausverkaufte August- und September-Mengen bedeuten aber: Wer Q4-Bedarf hat, sollte sich Fertigungsfenster jetzt sichern, statt auf einen Preisrückgang nach der Sommerpause zu warten. Anker bleibt das Fastmarkets-Monatsmittel mit Cap-and-Floor-Band.
Behandeln Sie das Rhein-Risiko als eigene Vertragsposition. Steigende Frachtkosten und die Verlagerung auf Lkw werden als Zuschläge ankommen; akzeptieren Sie Logistikaufschläge nur separat ausgewiesen, mit Verfallsdatum und Bezug auf einen nachvollziehbaren Referenzwert wie den Kaub-Pegel oder einen Frachtindex, nicht als dauerhafte Erhöhung des Basispreises. Prüfen Sie bei frei-Werk-Lieferungen, wer das Niedrigwasserrisiko trägt.
Behandeln Sie Kaltband weiter als eigenes Engpassprodukt. Der Aufschlag von rund 100 €/t über HRC hält sich, in Italien wächst er, und an den Treibern (knappe europäische Walzkapazität, Anti-Dumping, CBAM) hat sich nichts geändert. Kontrahieren Sie CRC-Bedarf früher als HRC-Bedarf.
Die Melt-and-Pour-Pflicht ab 1. Oktober bleibt die härteste Frist des Quartals, und sie fällt mit dem Quoten-Reset zusammen. Verlangen Sie den Schmelznachweis ab sofort als Vertragsbeilage, weisen Sie das Quotenrisiko für Q4-Lieferungen explizit zu und prüfen Sie die Zolltarif-Klassifizierung Ihrer Importpositionen: Der UNESID-Hinweis auf rund 300 €/t möglicher CBAM-Differenz je nach Einreihung ist ein Prüfauftrag an jede Importkalkulation.
Stahlpreis Prognose: Einschätzung unseres Procurement Intelligence Teams
Basisszenario
In dieser Spanne über die nächsten vier bis sechs Wochen. (1) Die Auftragsbücher der Werke sind für August voll und für September halb gefüllt, sie müssen im dünnen Sommerhandel nichts abgeben, (2) Käufer sind bis in den Herbst eingedeckt und lehnen die geforderten 740 bis 750 €/t bislang ab, reale Buchungen laufen bei 710 bis 725 €/t, (3) das Importfenster bleibt durch Quoten, CBAM und Anti-Dumping eng. Das Rhein-Niedrigwasser stützt die Preisuntergrenze, solange die Rohstofflogistik der Werke eingeschränkt bleibt.
Risikoszenario
Die Wiederbevorratung vor der Melt-and-Pour-Pflicht am 1. Oktober fällt mit dem Quoten-Reset zum vierten Quartal zusammen, das Rhein-Niedrigwasser zwingt weitere Werke zu Produktionskürzungen, und die Werke setzen ihre Forderungen von 740 bis 750 €/t in einem verknappten Markt durch. Zieht zusätzlich die Kaltband-Knappheit das Flachstahlgefüge nach oben, sind die oberen Bereiche der Spanne erreichbar. Wahrscheinlichkeit 25 bis 30 Prozent über die nächsten drei Monate.
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Häufig gestellte Fragen
Vor allem eine Kosten- und Argumentationsfrage, noch keine Versorgungskrise. Am Pegel Kaub sank die Fahrrinnentiefe Mitte Juli auf rund 55 cm; thyssenkrupp hat die eigene Schubboot-Flotte außer Dienst gestellt und die Roheisenerzeugung in Duisburg angepasst, die Kundenversorgung gilt als gesichert (S&P Global, 24. Juli). Binnenschiffe fahren mit Teilladung, Fracht verlagert sich auf Lkw, und beides verteuert die Logistik. Für den Einkauf heißt das: Logistikzuschläge nur separat ausgewiesen akzeptieren, mit Verfallsdatum und Bezug auf einen nachvollziehbaren Referenzwert, und bei frei-Werk-Lieferungen klären, wer das Niedrigwasserrisiko trägt. Erst wenn Produktionskürzungen über einzelne Standorte hinausgehen, wird aus dem Logistikthema ein Mengenthema.
Klären Sie drei Punkte explizit. Erstens: welche Herkünfte fallen unter Ihre Lieferantenliste, und wie voll sind deren Länderquoten bereits? Die Verordnung (EU) 2026/1384 ist seit dem 24. Juni publiziert, die Länderquoten sind seit dem 30. Juni bekannt, und die Türkei-Quote für Warmband war am 1. Juli ausgeschöpft. Zweitens: wer trägt das Quotenrisiko, wenn die Allokation während der Laufzeit voll läuft und der 50-Prozent-Out-of-Quota-Zoll greift? Drittens: erfüllt der Lieferant die Melt-and-Pour-Regel ab 1. Oktober oder nutzt er Vorlieferanten aus Drittländern? Eine Quoten-Anpassungsklausel plus laufendes Monitoring der TARIC-Auslastung gehört jetzt in jeden Importvertrag.
CBAM ist seit 1. Januar 2026 finanziell wirksam, gezahlt wird ab 2027 mit dem Erwerb von Zertifikaten. Der erste offizielle Quartalszertifikatspreis für Q1 2026 liegt bei 75,36 €/tCO2e (Fastmarkets). Die effektiven Mehrkosten für Hochemissionsstahl liegen bei einem EUA-Niveau um 90 € bei rund 40 bis 60 €/t. Für eine vollständige Importkalkulation gehören CBAM-Zertifikatskosten, Dokumentationsaufwand, Quotenverfügbarkeit unter dem seit 1. Juli 2026 geltenden Schutzinstrument und das Risiko längerer Transitzeiten in die Rechnung. In vielen Fällen ist das nominell günstigere Drittlandsangebot nach Gesamtkostenrechnung nicht mehr die wirtschaftlich bessere Alternative.
HRC (Warmband) ist das Basismaterial. Kaltband (CRC) erfordert einen zusätzlichen Walzschritt und liegt deshalb typischerweise 80 bis 130 €/t über HRC. Feuerverzinkter Flachstahl (HDG) kommt nochmals mit einem Beschichtungsaufschlag. Im aktuellen Markt steigen CRC- und HDG-Preise teils schneller als HRC, weil knappe Verfügbarkeit und höhere Energiekosten bei den Folgeprodukten stärker durchschlagen. Für die Verhandlung heißt das: Nicht jede Stahlpreiserhöhung trifft alle Produkte gleich, und eine Aufschlüsselung nach Basispreis, Produktaufschlag und Energiekomponente ist der wichtigste Hebel gegen pauschale Forderungen.
Eine saubere Prüfung beginnt mit drei Fragen: Steigt der relevante Marktindikator? Ziehen die von Ihnen tatsächlich gekauften Folgeprodukte mit? Und passt die Forderung des Lieferanten zu den aktuellen Angebotsniveaus im Markt? Wenn nur einer dieser drei Punkte fehlt, lohnt sich Gegenwehr.
Nur dann, wenn die Vergleichsrechnung nicht beim Basispreis endet. Seit 1. Januar 2026 wirkt CBAM finanziell, mit dem ersten offiziellen Q1-2026-Zertifikatspreis von 75,36 €/tCO2e (Fastmarkets). Seit dem 1. Juli 2026 gilt zudem das neue Safeguard-Regime mit 47 Prozent niedrigerer zollfreier Quote und 50 Prozent Out-of-Quota-Zoll; die Türkei-Quote für Warmband war bereits am ersten Tag ausgeschöpft. Eine Türkei- oder Vietnam-Offerte, die nominal 30 bis 50 €/t günstiger wirkt, kann nach CBAM-Aufladung und Quotenrisiko teurer ausfallen als europäische Ware. Belastbar ist die Alternative, wenn CO2-Intensität, Quotenkapazität, Lieferzeit und Risikoaufschlag in der Vollkostenrechnung sauber abgebildet sind.
HRC bleibt der wichtigste Leitindikator für europäischen Flachstahl. Für die Verhandlung ist aber entscheidend, wie sich die Lücke zu Kaltband- und Verzinkungsaufschlägen verändert. Genau dort zeigt sich, ob Preisforderungen sachlich begründet sind oder ob zusätzliche Marge mittransportiert wird.


