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Webinaraufnahme: Stahlindustrie 2026 - Politische, ökonomische und kreislaufwirtschaftliche Entwicklungen

Kaum ein Einkauf in der deutschen Industrie kommt ohne Stahl aus, und kaum ein Werkstoff steht so früh in der Wertschöpfungskette wie dieser. Genau deshalb schlagen politische Entscheidungen aus Berlin und Brüssel hier besonders schnell auf die Kostenstruktur der Abnehmerbranchen durch. Die Rohstahlerzeugung in Deutschland lag 2025 bei 34,1 Millionen Tonnen und damit rund 9 Prozent unter dem ohnehin niedrigen Vorjahresniveau, bereits zum vierten Mal in Folge deutlich unter der Marke von 40 Millionen Tonnen. Gleichzeitig verändern ein neues EU-Handelsschutzinstrument, steigende Strombedarfe und die ersten Leitmärkte für emissionsarmen Stahl die Rahmenbedingungen für die Beschaffung.
Yannik Sparrer (Head of Industry Policy & Circular Economy bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl) und Torben Hinrichs (Topic Lead Stahl bei Tacto) ordnen im Webinar ein, wo die deutsche Stahlindustrie 2026 steht und was aus der aktuellen Gesetzgebung auf die Abnehmerbranchen zukommt. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl vertritt seit über 150 Jahren die Interessen der deutschen Stahlhersteller, vom mittelständischen Elektrostahlwerk bis zum integrierten Hüttenwerk, gegenüber Politik, Industrie und Verbänden.
Geopolitische Entwicklungen und das neue EU-Handelsschutzinstrument
Ausgangspunkt fast aller handelspolitischen Diskussionen sind die globalen Überkapazitäten. Nach OECD-Daten liegen sie aktuell bei rund 640 Millionen Tonnen und sollen bis 2028 auf prognostizierte 745 Millionen Tonnen steigen. Zur Einordnung: Das wäre mehr als das Fünffache des jährlichen Stahlverbrauchs in der EU. Aufgebaut wird vor allem in China und Indien, wobei China mehr als 50 Prozent der weltweiten Stahlproduktion ausmacht und bei schwacher Binnennachfrage nach alternativen Absatzmärkten sucht.
Mit der US-amerikanischen Section-232-Maßnahme und einem Zollsatz von 50 Prozent auf Stahl und stahlintensive Produkte ist der europäische Export in die USA eingebrochen. In der Folge kam es zu Umlenkungseffekten, Mengen wurden verstärkt nach Europa verschifft. Die Europäische Kommission hat darauf mit einem neuen Handelsschutzinstrument reagiert, das zum 1. Juli in Kraft getreten ist. Es sieht eine zollfreie Importmenge von rund 18 Millionen Tonnen vor, die die Kommission je nach Nachfrageentwicklung anpassen kann. Eine zeitliche Begrenzung gibt es aktuell nicht, Länderausnahmen bestehen nur für die EWR-Staaten Island, Norwegen und Liechtenstein. Wird die Menge überschritten, greift ein Zoll von 50 Prozent. In der Umfrage unter den Teilnehmenden war genau dieses Instrument die meistgenannte Veränderung der vergangenen zwölf Monate, und die Zukunft der Importregeln die größte benannte Unsicherheit.
Strombedarf und Energiekosten im internationalen Vergleich
Der Umbau der Produktion verändert die Kostenstruktur der Branche grundlegend. Integrierte Hüttenwerke versorgen sich heute über Kuppelgase weitgehend selbst mit Strom. Werden Hochöfen schrittweise durch Elektrolichtbogenöfen in Kombination mit Direktreduktionsanlagen ersetzt, entfällt diese Eigenversorgung. Bereits bei einer Umstellung von nur 50 Prozent der Primärstahlproduktion verdoppelt sich der Strombedarf aus dem Netz nahezu, von rund 12 auf etwa 23 Terawattstunden.
Beim Kostenniveau liegt Deutschland im internationalen Vergleich zurück. Nach dem Höhepunkt 2023 hat sich der Strombezug normalisiert, dafür sind die Netzentgelte deutlich gestiegen, weil der Netzausbau stockt. Seit 2026 dämpft ein temporärer Haushaltszuschuss diesen Block, wie lange, ist Gegenstand der laufenden Haushaltsdiskussion. Als wettbewerbsfähig gilt aus Sicht der Branche ein All-in-Niveau von 50 Euro je Megawattstunde. Gegenüber den USA und China liegt Deutschland derzeit beim Faktor zwei und darüber, und auch innereuropäisch über den Day-Ahead-Notierungen in Spanien, Frankreich und Schweden.
Umbau zur Klimaneutralität und Leitmärkte für emissionsarmen Stahl
Die Stahlindustrie verantwortet rund 7 Prozent der deutschen und etwa 9 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Der Hebel ist entsprechend groß: Primärstahl liegt bei über zwei Tonnen CO2 je Tonne Stahl, Sekundärstahl in einer Größenordnung von 0,5 bis 0,6 Tonnen. Künftig verschwimmen beide Routen, weil auch klassische Sekundärstahlwerke direkt reduziertes Eisen oder Hot Briquetted Iron einsetzen können. Für den Einkauf entsteht damit Spielraum, technische Anforderungen und Anforderungen an den Schrotteinsatz gemeinsam mit dem Lieferanten zu definieren.
Damit die Nachfrage anläuft, arbeitet die Politik an Leitmärkten. Der Industrial Accelerator Act sieht im Kommissionsvorschlag vor, dass bei öffentlichen Aufträgen und Förderprogrammen 25 Prozent emissionsarmer Stahl eingesetzt werden. Das Automotive Package soll einen Anrechnungsmechanismus schaffen, über den Hersteller bis zu 7 Prozent ihrer Flottenemissionen durch emissionsarmen Stahl ausgleichen können, diskutiert wird ein Start ab 2035, möglicherweise früher. Grundlage für beides ist ein einheitliches Grünstahl-Label, das im Rahmen der Ökodesign-Verordnung vorbereitet wird. Erste Vorschläge werden bis Jahresende erwartet. Sparrer weist darauf hin, dass die Wirtschaftsvereinigung Stahl aus kartellrechtlichen Gründen keine Aussagen zur Kostenentwicklung machen darf, verweist aber darauf, dass die Mehrkosten bezogen auf das Endprodukt oft gering ausfallen, im Pkw beispielsweise bei unter 1 Prozent bei rund 20 Prozent Emissionsersparnis.
Stahlindustrie ist Kreislaufwirtschaft
Stahl ist zu 100 Prozent recycelbar, 85 Prozent des jemals erzeugten Stahls sind noch in Gebrauch. Mit dem Umbau auf Elektrolichtbogenöfen treten die großen deutschen Werke stärker in den Schrottmarkt ein, Schrott wird damit zu einem strategisch knapperen Inputmaterial. Sparrer rät Einkaufsorganisationen, frühzeitig mit Lieferanten und Kunden über Rückführungsmodelle zu sprechen, etwa über Closed-Loop-Ansätze, bei denen Material zum Stahlproduzenten zurückgeht. Regulatorisch kommen der für den Herbst angekündigte Circular Economy Act, die Diskussion über verpflichtende Einsatzmengen für Sekundärrohstoffe im Rahmen der Altfahrzeugverordnung und der digitale Produktpass hinzu, der beim Werkstoff Stahl zu den ersten Anwendungsfällen zählt.
Fazit
Die Einordnung von Yannik Sparrer zeigt, dass sich die Rahmenbedingungen im Stahleinkauf derzeit an mehreren Stellen gleichzeitig verschieben: bei den Importregeln, bei den Energiekosten, bei den Anforderungen an emissionsarme Werkstoffe und bei der Nachweispflicht entlang der Lieferkette. Torben Hinrichs ordnet ein, was daraus für den Einkauf folgt: Zum einen wird Kostentransparenz zur Voraussetzung für belastbare Verhandlungen, etwa über ein Bottom-up-Should-Costing auf Basis öffentlich verfügbarer Marktdaten. Zum anderen wächst der Nachweisaufwand aus CBAM, Material Compliance und digitalem Produktpass so stark, dass er ohne Automatisierung kaum noch im Tagesgeschäft abzubilden ist.
Yannik Sparrer (Head of Industry Policy & Circular Economy, Wirtschaftsvereinigung Stahl) und Torben Hinrichs (Topic Lead Stahl, Tacto) geben einen Überblick über die Lage der deutschen Stahlindustrie 2026: das neue EU-Handelsschutzinstrument mit 18 Millionen Tonnen zollfreier Importmenge, den nahezu verdoppelten Strombedarf durch den Umbau auf Elektrolichtbogenöfen, die entstehenden Leitmärkte für emissionsarmen Stahl und die wachsende Bedeutung von Schrott als Rohstoff. Dazu ordnen sie ein, welche Anforderungen daraus für Kostentransparenz und Compliance im Einkauf entstehen.


