Webinare
Webinaraufnahme: Die größte Energiekrise seit 1973. Was das bedeutet und was Industrieunternehmen jetzt tun können
.avif)
Die gleichzeitige Eskalation an der Straße von Hormuz, die anhaltende Houthi-Bedrohung im Roten Meer und das EU-Importverbot für russisches Gas treffen Europa in einer Phase ohnehin fragiler Energieversorgung. Brent-Rohöl stieg im März 2026 um 55 % auf über 115 USD pro Barrel, europäische Gasspeicher liegen 20 bis 25 Prozentpunkte unter dem Fünfjahresschnitt, und erste Lieferanten fordern pauschale Preiserhöhungen. Für den industriellen Einkauf stellt sich die Frage, wie Unternehmen Versorgungssicherheit herstellen und gleichzeitig Kostendruck beherrschbar halten können.
Erik Esly (Managing Partner bei Erik Esly Advisory & Consulting) und Dr. Stephanie Burghart (Chief Procurement Officer bei Sonax) analysieren im Gespräch mit Jakob Strobel (Produktentwicklung bei Tacto), wie die aktuelle Energiekrise entstanden ist, welche Branchen besonders betroffen sind und wie Sonax mit einem strukturierten Risikomanagement und KI-gestützten Werkzeugen auf die Krise reagiert.
Ursachen der Energiekrise 2.0: Warum sich die Lage seit 1973 verschärft hat
Erik Esly zeichnet nach, wie drei geopolitische Konflikte gleichzeitig auf die europäische Energieversorgung wirken. Die iranische Blockade der Straße von Hormuz hat den Transport von 20 % des weltweiten Öls unterbrochen, Versicherungsprämien haben sich verdreifacht und der Brent-Preis erreichte 115,35 USD pro Barrel. Parallel haben die Houthis ihre Angriffe im Roten Meer seit März 2026 massiv ausgeweitet. 12 % des Welthandels nach Wert passieren die Meerenge Bab el-Mandeb jährlich, Umleitungen über das Kap der Guten Hoffnung kosten die Container-Flotte geschätzt 7 bis 9 Milliarden USD pro Jahr.
Die dritte Ebene ist strukturell: Mit dem Ende der russischen Pipeline-Gaslieferungen im Januar 2025 und dem EU-Importverbot für russisches LNG ab März 2026 ist Europa auf US-amerikanisches LNG angewiesen. Rund 50 % der europäischen LNG-Importe stammen inzwischen aus den USA. Diese Abhängigkeit nutzt die US-Handelspolitik als Druckmittel: 250 Milliarden USD an jährlichen LNG-Käufen werden als Bedingung für Zollerleichterungen gefordert.
Folgen für die europäische Industrie: Welche Branchen jetzt unter Druck stehen
Die Auswirkungen treffen die deutsche Industrie auf mehreren Ebenen. In der Chemie droht allein BASF Ludwigshafen mit Produktionsstilllegung bei unter 50 % Gasversorgung, der Standort verbraucht 4 % des gesamten deutschen Gasverbrauchs. Die Glas- und Baustoffindustrie hat null Flexibilität: Öfen müssen rund um die Uhr laufen, Gasmangel bedeutet irreversiblen Produktionsschaden. Im Maschinenbau treffen höhere Vorproduktkosten auf fehlende Zulieferteile aus Asien und zusätzliche US-Zölle auf Exporte.
Gleichzeitig kommen über Asien verzögerte Kaskadeneffekte: 84 % aller Rohöllieferungen durch Hormuz gehen nach Asien, China hat Diesel-, Benzin- und Kerosinexporte gestoppt, und LNG, das für Europa bestimmt war, wird von asiatischen Märkten aufgekauft. Mit 4 bis 8 Wochen Verzögerung werden Produktionsausfälle in Asien in europäischen Lieferketten spürbar.
Praxisbeispiel Sonax: Vom Risikomanagement zum Triage-Ansatz im Einkauf
Dr. Stephanie Burghart, Chief Procurement Officer bei Sonax, berichtet aus der Praxis eines Unternehmens mit rund 420 Mitarbeitern, 300 Zulieferern und einem Umsatz von 144 Millionen Euro. Sonax hat eine promovierte Risikomanagerin im Einkaufsteam und setzt auf einen strukturierten Triage-Ansatz: Versorgungssicherheit steht an erster Stelle, dafür wurde eine priorisierte Liste von 57 kritischen Artikeln erstellt.
Burghart beschreibt, wie Sonax auf die ersten Preiserhöhungsforderungen der Lieferanten reagiert hat. Die Bandbreite reicht von pauschalen Logistikaufschlägen bis zu konkreten, begründeten Preisanpassungen. Entscheidend ist laut Burghart die Fähigkeit, jede Forderung individuell zu bewerten statt pauschal zu akzeptieren. Tacto unterstützt diesen Prozess, indem es Lieferanten automatisch nach Single- und Dual-Source-Status, Herkunftsland, Spend-Anteil und Liefertermintreue filtert und dem Einkauf eine priorisierte Liste kritischer Abhängigkeiten liefert. Für jeden kritischen Lieferanten stehen 360-Grad-Profile mit Lieferzuverlässigkeit, Zertifizierungsstatus und qualifizierten Alternativlieferanten bereit, sodass RFQs für Ersatzlieferanten gestartet werden können, bevor der Krisenfall eintritt.
Fazit
Die Praxisbeispiele von Erik Esly und Sonax verdeutlichen, dass die aktuelle Energiekrise den industriellen Einkauf vor eine doppelte Herausforderung stellt: kurzfristig müssen Preiserhöhungsforderungen individuell bewertet und abgewehrt werden, mittelfristig braucht es ein systematisches Risikomanagement, das Single-Source-Abhängigkeiten sichtbar macht und Alternativlieferanten strukturiert aufbaut. Entscheidend ist, dass Einkaufsabteilungen nicht reaktiv auf Störungen warten, sondern mit Transparenz über die eigene Lieferantenbasis und dem gezielten Einsatz von KI-Agenten proaktiv handlungsfähig bleiben.
Erik Esly (Managing Partner bei Erik Esly Advisory & Consulting) und Dr. Stephanie Burghart (Chief Procurement Officer bei Sonax) analysieren im Gespräch mit Jakob Strobel (Produktentwicklung bei Tacto) die Ursachen und Auswirkungen der aktuellen Energiekrise. Esly ordnet die geopolitischen Treiber ein, Burghart zeigt am Beispiel von Sonax, wie ein strukturierter Triage-Ansatz im Einkauf und KI-gestützte Lieferantenanalyse dem Einkaufsteam ermöglichen, auch unter Krisendruck faktenbasiert zu handeln statt pauschal nachzugeben.
