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Die wichtigsten Entwicklungen für deutschen Stahl

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl ist die Stimme der Stahlindustrie in Deutschland, die sich zum Ziel gesetzt hat, bis 2045 klimaneutral zu produzieren und damit ein Drittel der gesamten industriellen Treibhausgasemissionen einzusparen. Wir haben Dr. Yannik Sparrer, Head of Industry Policy & Circular Economy, gefragt, wo die Stahlindustrie beim Handelsschutz, bei Produktion und Nachfrage von emissionsarmem Stahl und bei der Kreislaufwirtschaft steht.

Wie sich die neuen Instrumente auswirken, ist damit noch nicht entschieden. Dr. Yannik Sparrer hat die politischen Entwicklungen am 27. August im Tacto-Webinar „Stahlindustrie 2026: Politische, ökonomische und kreislaufwirtschaftliche Entwicklungen“ ausführlicher eingeordnet.

Interview

Herr Sparrer, womit beschäftigt sich die Wirtschaftsvereinigung Stahl gerade am intensivsten?

Yannik Sparrer: Wir haben unsere Themen nach drei Schwerpunkten sortiert. Der erste ist Außenhandelspolitik, da geht es um die Herstellung eines „Level Playing Field“ für die in Deutschland produzierenden Unternehmen. Der zweite ist Energie- und Klimapolitik, dort vor allem die Energiekosten. Und der dritte sind die Leitmärkte, also die Frage, wie Nachfrage für emissionsarmen Stahl aus Europa entsteht. Für diesen dritten Bereich bin ich mitverantwortlich.

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Beginnen wir beim ersten Punkt. Seit dem ersten Juli gilt in Europa ein neues Handelsschutzinstrument. Was soll es bewirken?

Das neue Instrument sieht jährliche zollfreie Kontingente von rund 18,3 Millionen Tonnen vor. Bei Überschreitung werden Zölle fällig. Dies soll eine Überforderung des EU-Marktes mit Importen bewirken und den Stahlunternehmen eine auskömmliche Auslastung der heimischen Kapazitäten ermöglichen. Jetzt muss genau analysiert werden, wie dieses Instrument wirkt und ob sich dadurch wirklich die erhoffte Wirkung zeigt.

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Sie sagen „erhoffte Wirkung“. Wogegen soll das Instrument denn schützen?

Das globale Umfeld hat sich in den letzten Jahren massiv verschärft. Die weltweiten Überkapazitäten steigen, China exportiert auf Rekordniveau, und andere große Märkte, insbesondere die USA, erschweren den Marktzugang. Dadurch wächst die Gefahr, dass überschüssige Mengen in den vergleichsweise offenen EU-Markt umgelenkt werden. Das neue EU-Stahlregime soll die negativen Effekte globaler Überkapazitäten auf dem EU-Stahlmarkt begrenzen und zugleich einen kontrollierten Marktzugang für traditionelle Lieferströme ermöglichen.

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Sieht man diesen Druck inzwischen in den Produktionszahlen?

Die Rohstahlproduktion der letzten Jahre dokumentiert den massiven Druck, unter dem die Stahlindustrie in Deutschland stand. Ein krisenhaftes Nachfrageniveau traf auf massive Importe aus dem EU-Ausland. Wir sind der Politik in Berlin und Brüssel sehr dankbar, dass sie unseren Hilferuf ernst genommen und rechtzeitig vor dem Auslaufen des bisherigen Schutzes ein wirksames und zugleich ausbalanciertes Instrument auf den Weg gebracht hat, das Stahlproduzenten schützt und gleichzeitig die Interessen der stahlverarbeitenden Industrien berücksichtigt. Aus unserer Sicht muss die EU-Kommission nun zügig die noch offenen Regelungslücken schließen.

Aktuell haben sich die Produktionszahlen etwas erholt. Von einer nachhaltigen Trendwende kann jedoch noch keine Rede sein: Auf das Gesamtjahr hochgerechnet läge die Rohstahlproduktion mit rund 37 Millionen Tonnen weiterhin unter der Marke von 40 Millionen Tonnen, die für eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung erforderlich ist. Hauptkundenbranchen wie Bauwirtschaft, Maschinen- und Anlagenbau sowie Automobilindustrie entwickelten sich im bisherigen Jahresverlauf nur schwach.

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Neben der Konjunktur gab es zuletzt viele Störungen: die Straße von Hormus, Niedrigwasser am Rhein, Probleme im Schienenverkehr. Wie stark fällt das ins Gewicht?

Das spielt eine untergeordnete Rolle. Hormus hat aus meiner Sicht für uns gar keine so große Rolle gespielt, da waren und sind andere Branchen deutlich stärker betroffen. Bei den Rohstoffen, also Eisenerz, Kohle und Erdgas, ist die Beschaffung diversifiziert. Niedrigwasser beeinträchtigt Lieferungen erheblich, hängt aber stark vom Standort ab. Wer direkt am Rhein liegt, spürt es deutlich mehr als andere. Und es gab Probleme, Rohstoffe per Bahn zur Stahlindustrie zu bringen. Die Sanierung ist richtig und notwendig, im Ergebnis waren einige Werke aber wirklich am Limit ihrer Rohstofflage. Bei einem Hochofen, der rund um die Uhr läuft, ist das eine echte Herausforderung.

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Bleiben wir bei der Nachfrage, die Sie als den großen Punkt bezeichnet haben. Was kann die Politik dort tun?

Es gibt mehrere Ansätze. Mit dem neuen Handelsschutzinstrument wurde eine wichtige Voraussetzung geschaffen, dass die Nachfrage auch bei den Stahlunternehmen in Deutschland und Europa ankommt. Zudem ist es wichtig, Nachfrage für emissionsarmen Stahl zu schaffen, indem der Staat sagt: Wir beschaffen ihn selbst hier in Europa. Ein dritter sind privatwirtschaftliche Anreize, etwa im Automobilbereich: Unternehmen könnten emissionsarmen Stahl aus Europa kaufen und sich dies anrechnen lassen, statt im Rahmen der Flottengrenzwerte dann zahlen zu müssen. Vergleichbares kann man sich für den Windbereich oder den Bahnsektor überlegen, da ist man noch nicht so weit.

Was man dabei sehen muss, ist, dass viele Abnehmerbranchen international unter enormem Kostendruck stehen. Solange nicht von übergeordneter Ebene eine strategische Resilienz vorgegeben wird, also Diversifizierung und lokale Beschaffung, wird es immer am Einkauf liegen, die beste Qualität zu den geringsten Kosten zu bekommen. Da braucht es ein Umdenken, in den Unternehmen wie in der Politik.

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Damit sind wir bei Ihrem dritten Schwerpunkt, den Leitmärkten. Ist der Weg zu emissionsarmem Stahl eine deutsche Entwicklung oder ein globaler Trend?

Das ist ein globaler Trend. Die Stahlindustrie ist weltweit für sieben bis neun Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich. Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, ist es eine Notwendigkeit, diese Branche zu dekarbonisieren. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern wie Schweden und Spanien entstehen Stahlwerke, um diesen Markt zu beliefern. In China und im Nahen Osten werden Kapazitäten für den europäischen Markt vorbereitet. Es zeigt also: Es tut sich etwas, und das nicht nur in Deutschland. Wir müssen es in Deutschland schaffen, den Umbau zur Klimaneutralität erfolgreich zu gestalten, sonst machen es andere Länder. Parallel haben wir den europäischen Emissionshandel, wodurch es auch in Zukunft weiter ein Kostensignal durch die CO₂-Kosten geben wird. Am Ende vom Tag wird emissionsarmer Stahl die neue Norm. Die Frage ist, welchen Beitrag wir hier in Deutschland und Europa dazu leisten wollen. Brüssel und Berlin haben sich aus Resilienzgründen klar zu einer Stahlindustrie in Europa bekannt.

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Wenn dieser Umbau kommt, was heißt das für die Rohstoffseite?

Wenn man diesen Weg weitergeht, zahlt die Kreislaufwirtschaft unmittelbar darauf ein. Wir brauchen Stahlschrott in entsprechenden Qualitäten und Mengen. Das Gute ist, dass wir bereits heute eine Menge Stahlschrott in Europa haben. Jetzt gilt es, diesen wichtigen Sekundärrohstoff auch hier zu behalten und aufzubereiten. Das ist die direkte Verbindung zwischen industrieller Dekarbonisierung, resilienten Lieferketten und Kreislaufwirtschaft.

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Und was kommt regulatorisch auf die Unternehmen zu?

Da kommt einiges. Die Stahlbranche wird eine der ersten Branchen sein, in der der digitale Produktpass durchgesetzt wird. Beim Stahllabel fällt Ende des Jahres eine Entscheidung, wie emissionsarmer Stahl definiert wird. Der Industrial Accelerator Act setzt die Rahmenbedingungen für den Einsatz emissionsarmen Stahls in der öffentlichen Beschaffung und bei Förderungen. Gleichzeitig erhalten Automobilhersteller voraussichtlich Flexibilisierungsoptionen durch den Einsatz emissionsarmen Stahls zum Erreichen ihrer Flottengrenzwerte. Mein Rat ist, sich darauf einzustellen, statt zu warten. Wer das früh implementiert, kann daraus durchaus einen Wettbewerbsvorteil erhalten.

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Wenn Sie daraus einen Punkt herausgreifen müssten, den Einkaufsverantwortliche jetzt auf dem Schirm haben sollten, welcher wäre das?

Dass sich der Rahmen gerade an mehreren Stellen zugleich verschiebt. Der Handelsschutz ist neu, die Konjunktur wird sich irgendwann drehen, Leitmärkte für emissionsarmen Stahl aus Europa entstehen und die Anforderungen an Nachweise und Emissionen kommen ohnehin. Wer das früh mitdenkt, statt zu warten, bis es verbindlich wird, verschafft sich einen Vorsprung. Das gilt für den digitalen Produktpass genauso wie für die Frage, wie ich meine Lieferanten frühzeitig zu den oben genannten Themenbereichen einbinde.

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